Die sprituelle Lehre und der Lehrer

Kim Eng: Zur Zeit beginnen sehr viele Menschen spirituell zu erwachen. Viele von ihnen suchen einen Lehrer wie z.B. dich, um Führung und Unterstützung zu finden. Obwohl einem letzten Endes keiner etwas abnehmen kann, ist es zweifellos hilfreich - einige würden sagen essenziell -, beim Prozess des Erwachens einen Lehrer zu haben. Angesichts eines solche überwältigenden Bedarfs nach spiritueller Wahrheit, warum hast du trotzdem deine öffentliche Lehrtätigkeit für den Rest des Jahres 2003 erheblich reduziert? (außer im Oktober, siehe Eckhart's "upcoming events" unter www.eckharttolle.com). Was ist deine Botschaft an all die erwachenden Menschen, die deine Führung brauchen?

Eckhart Tolle: Verlasse dich nicht auf mich. Jeder und alles, auf das du dich im Außen verlässt, wird dich früher oder später enttäuschen. Alle Formen lösen sich auf, verändern sich, sterben, verlassen dich. Viele Menschen fühlen sich von mir, der "Form" Eckhart, angezogen, aber sie täuschen sich. Sie verwechseln die Form mit der Essenz. Wenn die Menschen zu einem Vortrag, einem Intensivkurs oder einem Retreat kommen, kommen sie nicht, um mit mir zu sein - obwohl es an der Oberfläche so aussehen mag. Sie kommen, um mit sich selbst zu sein oder eher, vollkommener mit sich selbst zu sein. Da leuchtet etwas durch die Form von Eckhart hindurch, das eins mit der Essenz dessen ist, was du bist. Der Frieden, die Stille, die Freude oder die intensive Lebendigkeit, die du in der Gegenwart des spirituellen Lehrers spürst, entspringt aus der einen Quelle in dir selbst und kann nicht von dem, der du auf der tiefsten Ebene bist, getrennt werden. Der Lehrer kann es dir nicht geben. Er oder sie enthüllt einfach nur, was schon in dir ist.

Die Lehre steht dir in Form von Büchern, Kassetten und Videos jederzeit zur Verfügung. Für diejenigen, die bereit sind zu erwachen, sind diese genauso kraftvoll wie die physische Präsenz des Lehrers. Sei dir der starken Anhaftung an diese Dinge und des ständigen Bedürfnisses nach mehr gewahr - das ist kein wahres Bedürfnis, sondern wird vom Verstand erschaffen. Man muss erkennen, wann der Punkt erreicht ist, wo das, was hilfreich ist und dich mit der Wahrheit dessen, was du bist, in Kontakt gebracht hat, seinen Zweck erfüllt hat. Buddha benutzte das wundervolle Gleichnis von dem "Floß, das den Fluss überquert" - wenn du den Fluss überquert hast, trägst du das Floß nicht länger mit dir herum. Solange du das Floß brauchst, ist die Lehre da.

Durch die Bücher, Kassetten und Videos ist die Lehre in ihrer vollen Kraft vorhanden, und wenn du es zulässt, wird dich diese Lehre mit dem einzigen lebenden Meister in Kontakt bringen, den es gibt: deinem innersten Sein. Aber der egoische Verstand sagt immer wieder: Ich brauche, ich will, ich muss haben. Das Bedürfnis des Verstandes, immer mehr zu bekommen, ist ein Trick um die Lehre zu vermeiden und nicht wirklich mit ihr im Kontakt zu sein. Die Lehre ist jetzt hier.

K.E.: Du bist schon voll und ganz du selbst.

E.T.: Ja, nichts Essenzielles kann oder muss hinzugefügt werden.

K.E.: Was ist das Wesen dieses Selbst, das wir schon sind? Kann man irgend etwas darüber sagen?

E.T.: Man kann nur darauf deuten, es aber nicht erklären oder definieren. Man kann sagen: auf der tiefsten Ebene bist du Raum oder innere Weite, absolut still und gleichzeitig strahlend lebendig. Ich kann dir nichts geben, nur Raum, Weite. Aber da Raum die Essenz dessen ist, was du bist, kann ich dir nichts geben (Eckhart lacht leise). Wenn du bei einem spirituellen Lehrer etwas anderes als Raum suchst, wirst du enttäuscht werden. Was immer er oder sie dir gibt, wird nie reichen. Nichts aus dem Reich der Formen wird dich lange befriedigen.

K.E.: Ja, Form ist Dualität, und deshalb muss früher oder später das Gegenteil auftauchen.

E.T.: Wenn du innerlich jeden Augenblick zulässt wie er ist, wenn du deine Gedanken und Emotionen beobachtest, während sie geschehen, steigt Raum in dir auf - Stille, Frieden. Das ist es, wer du bist. Das ist jenseits der Gegensätze.

 


Das Zeitalter des Erwachens von Kim Eng (© Kim Eng, August 2003)

Die Evolution des Bewusstseins ist unvermeidlich. Es scheint, als lebten wir in einem Zeitalter des Erwachens. Das mag nicht sofort offensichtlich sein, wenn wir die Tagesnachrichten sehen und Zeuge von Gewalt, Kriegen und dem entsetzlichen Leiden werden, das sich die Menschen gegenseitig zufügen. Dann kommt es uns vor, als hätte sich nichts geändert oder alles würde sogar noch schlimmer. Was wir da sehen ist die Unbewusstheit des menschlichen Geistes, die vor unseren Augen abläuft. Das ist die Welt, die wir erschaffen, wenn wir uns der einen Quelle nicht bewusst sind, die uns alle erhält und verbindet, und uns stattdessen mit Meinungen, Urteilen, Etiketten und Geisteshaltungen identifizieren. Die eine Quelle, das eine Bewusstsein, das vor und jenseits jeglicher Form - Hautfarbe, Geschlecht, Kultur, Religion - existiert, ja, sogar vor jedem Gedanken, den der Verstand denken könnte.

Wenn wir die Weltereignisse im Fernsehen beobachten, sehen wir in Wirklichkeit nichts anderes, als die Auswirkungen menschlicher Unbewusstheit. Doch die Hauptursache liegt allein in uns selbst, und kann daher aufgelöst werden. Nur dann kann eine neue Welt entstehen.