Frankfurter Rundschau (Online-Magazin) 13. Mai 2009
Spiritualität
Alles erleuchtet
Von Serge Debrebant

Eckhart Tolle (Bild: getty)
Eckhart Tolle war dem Zusammenbruch nahe, als er eines Nachts aus dem Schlaf aufschreckte. Es war Ende der 70er Jahre. Tolle war 29 Jahre alt, schrieb in Cambridge an seiner Doktorarbeit und fühlte sich unglücklich und überfordert. In der Dunkelheit sah er die Schemen der Möbel, in der Ferne ratterte ein Zug vorbei. Die Minuten vergingen, und Tolle fiel auf, dass ihm die ganze Zeit nur ein einziger Gedanke im Kopf herumging: "Ich kann mit mir selbst nicht weiterleben." Er wunderte sich über den Satz und fragte sich, ob dieses unglückliche Selbst nur eine Einbildung sei. Dann setzte sein Verstand aus, Eckhart Tolle fühlte sich in einen Wirbel hinein gerissen, und eine Stimme aus seinem Inneren rief: "Wehre dich nicht!" Die Ängste, die ihn jahrelang bgleitet hatten, verschwanden.
Heute glaubt Eckhart Tolle, dass er damals erleuchtet worden ist. "Nach der Bewusstseinsverwandlung vollzog sich mein äußeres Leben zunächst so wie bisher, dann erkannte ich, dass das nicht mehr meine Welt war", sagt er mit einem leicht britischen Akzent und nickt aufmunternd wie ein Gitarrenlehrer in der Volkshochschule. Das Gespräch findet in einer Villa im feinen Münchner Vorort Grünwald statt, wo Tolle bei Freunden untergekommen ist - ein mittelgroßer Mann mit gebeugtem Rücken, hoch geschlossenem Hemd und Ziegenbart, den eine britische Zeitung einmal mit dem Jedimeister Yoda aus Star Wars verglichen hat.
Der Deutsche, der 1948 in der Nähe von Dortmund geboren wurde und heute im kanadischen Vancouver lebt, ist einer der einflussreichsten spirituellen Lehrer der Welt. Mehr als sieben Millionen Mal haben sich seine Bücher verkauft, in mehr als 30 Sprachen wurden sie übersetzt. In den Vereinigten Staaten, wo Tolles Erfolg begann, liegen seine Werke in jedem Supermarkt - neben Barack Obamas Autobiografie. Schauspieler wie Jim Carrey und Meg Ryan zählen zu seinen Anhängern, und als Paris Hilton vor zwei Jahren ins Gefängnis ging, trug sie in der einen Hand eine Bibel und in der anderen Tolles Hauptwerk "Jetzt! Die Kraft der Gegenwart".
Sein Ruhm ist umso erstaunlicher, als Tolle alles andere als ein charismatischer Entertainer ist. Seine Vorträge gleichen eher Selbstgesprächen. Statt sich zu räuspern, schmatzt er ins Mikro. Und manchmal, wenn er von Martin Heideggers Seinsbegriff oder der Meditation als Weg zur Erleuchtung spricht, kichert er plötzlich, als hätte er einen Witz erzählt. Trotzdem sind seine Satsangs - was auf Hindi so viel wie Begegnungen mit einem Meister bedeutet - regelmäßig ausverkauft.
Küchenphilosophie und Hokuspokus
Kritiker lehnen Tolles Lehre als Küchenphilosophie und Hokuspokus ab. Tatsächlich ist sie so einfach, dass sie sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Der Mensch kann zu sich selbst finden, wenn er sein Ego ablegt und im Augenblick aufgeht, statt an Gestern oder Morgen zu denken. Das erinnert an das Nirwana der Buddhisten oder die Erleuchtung der christlichen Mystiker, und tatsächlich streut Tolle in seine Vorträge immer wieder Zitate von Jesus und Buddha ein. Trotzdem versteht er seine Philosophie nicht als Religion. "Die meisten Lehrer gehören einer Tradition an. Sie sind Buddhisten, Christen, Moslems. Meine Lehre ist von der Vergangenheit unbelastet", sagt er. "Die Leute verstehen meine Lehre, weil sie so einfach ist." Das hat ihn trotzdem nicht daran gehindert, den Vornamen eines mittelalterlichen Mystikers anzunehmen. Bevor er erleuchtet wurde, hieß Eckhart nämlich noch Ulrich Tolle.
Über seine Vergangenheit ist wenig bekannt. Mit 13 weigerte er sich, die Schule zu besuchen, weil ihm die "feindliche Umgebung" nicht gefiel, und zog zu seinem Vater nach Spanien. Später machte er das Abitur nach und studierte in London und Cambridge Romanistik. Danach lebte er ein paar Jahre in London, verbrachte seine Zeit auf Parkbänken und hörte den Vögeln zu. "Ich bin damals gedriftet", sagt er. "Ich hatte überhaupt keine Lust mehr, etwas zu tun, weil die Zukunft unwichtig geworden war." Dann zog er nach Nordamerika und veröffentlichte dort sein erstes Buch. Weltberühmt wurde er, als die Moderatorin Oprah Winfrey ihn 2002 in ihrer Fernsehshow erwähnte.
Mittlerweile ist er auch reich. Denn es sind keine Eremiten, die weltweit zu seinen Vorträgen strömen, sondern Leute, die im Leben stehen, die bereit sind, 40 Euro zu zahlen: Lehrer, Ärzte, Unternehmer, Studenten. Vielleicht hören sie seine Lehre der Bewusstseinstransformation auch deshalb so gerne, weil Tolle keine hohen Ansprüche an sie stellt. In einem früheren Interview hat er gesagt, dass einmal durchatmen im Fahrstuhl oder vor einer roten Ampel schon helfen könne, sich auf den Augenblick zu besinnen. Erleuchtung kann so einfach sein.
Aus seiner Sicht ist aus dem spirituellen Erwachen ohnehin längst eine Massenbewegung geworden. "Natürlich gibt es in den Nachrichten grausame Bilder, aber ich würde schätzen, dass in den Industrieländern rund zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung ein verwandeltes Bewusstsein haben", sagt er. "Das ist natürlich eine rein intuitive Zahl."
Es gab einmal eine Zeit, in der seine Freunde und seine Mutter den Verdacht hatten, dass der Mann, der sich plötzlich Eckhart nannte, schlicht und einfach den Verstand verloren hatte. "Meine Mutter hat nicht verstanden, warum ich meine ,Karriere', wie sie es nannte, einfach weggeschmissen habe. Aber als ich mein erstes Buch veröffentlicht und damit Erfolg gehabt habe, war sie zufrieden", sagt er und kichert wieder. "Ja, ja, so ist die Welt." Zumindest in diesem Punkt hat er wohl recht.
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